Jeep Compass 2.0 MultiJet II 140 PS Limited

Die italienische Verwandtschaft:  The Italien Guy

Der aktuelle Compass ist eine Neuentwicklung aus dem FCA-Konzern. Wieviel Jeep und wieviel Gelände in dem Kompakt-SUV steckt, wollen wir im Test des 2-Liter Dieselmodells herausfinden.

Text und Fotos: Johannes Toth

Die Marke Jeep hat eine bewegte Vergangenheit mit verschiedenen Umbenennungen und wechselnden Eigentümern hinter sich. Mit der Komplettübernahme der Konzernmutter Chrysler durch Fiat wurde 2014 das neue Unternehmen FCA, Fiat Chrysler Automobiles mit Sitz in Amsterdam und London gegründet.

Als Kern der Marke hat man sich immer die robuste Geländegängigkeit des Urahnen bewahrt, der Anfang der 1940er von verschiedenen Unternehmen für das US-Militär entwickelt wurde. Über die Ursprünge des Namens gibt es unterschiedliche Theorien. Die heute am ehesten akzeptierte Variante ist, daß die amerikanischen Soldaten Ihrem robusten Geländewagen den Spitznamen Jeep gaben, in Anlehnung an das übernatürliche Fabelwesen „Eugene the Jeep“ aus dem amerikanischen Comic-Strip Popeye.

Das Modell Compass wurde bereits 2007 mit unentschlossenem und zerknautschtem Design am Markt eingeführt. Erst unter der Fiat-Führung bekam der Compass 2011 ein klareres Erscheinungsbild. Das aktuelle Modell entstammt nun dem Baukastensystem von Jeep Renegade und Fiat 500X.

Als eindeutiges Marken-Kennzeichen findet sich an der Front die aktuelle siebenteilige Interpretation des markanten Kühlergrills mit den deutlichen vertikalen Streben. An den Flanken interpretieren die eckig-trapezförmigen Radhäuser die produktionsbedingt simple Kotflügelform des berühmten Urahns.

Das alles ist offensichtlich. Aber die Jeep-Designer haben noch ein paar Insider-Überraschungen für ihre Jeep-Owner bereit. Sie haben sogenannte Eastereggs, also Ostereier, in ihren Fahrzeugen versteckt. Wir machten uns auf die Suche und fanden zum Beispiel die Frontmaske des alten Willys Jeep in eine Türverkleidung geprägt, oder eine kleine Eidechse, die unter den Scheibenwischern aus dem Motorraum hervorkriecht, oder ein Seeungeheuer, das am unteren Ende der Heckscheibe schwimmt.

Wer sich ein bisschen mit dem Fahrzeug beschäftigt, erkennt bald: die Amis haben trotz Fiat bei Jeep immer noch die Oberhand. Das Auto wirkt in jeder Hinsicht robust und positiv konservativ. Überall große funktionale Beschriftungen und ein Automatik-Wahlhebel, der sowohl mit groben Arbeits- als auch mit dicken Fellhandschuhen bedient werden kann.

Dazu passend gibt es noch mehrere Drehregler, die wir blind bedienen können. Ohne ins fünfundzwanzigste Untermenü eines aalglatten Touch-Screens eintauchen zu müssen, während wir dadurch vom Verkehrsgeschehen abgelenkt werden. Selbstverständlich hat aber auch der Compass einen mittigen Touch-Screen, auf dem sich das Fahrzeug schlüssig an den Menschen anpassen lässt. Und da kann der Fahrer wirklich vieles individualisieren und praktisch adaptieren.

Nicht so lobenswert hingegen die Spracheingabe. Manchmal werden wir vom System verstanden, manchmal nicht. Das lenkt ab. Ebenso ist das Navigationsgerät offenbar nicht gänzlich aktuell. Es möchte uns über einen längst gesperrten, von Pflanzen überwuchten Bahnübergang leiten. Auf der anderen Seite warnt es uns eindringlich vor fixen Radargeräten. Die bedrohlich angehobene weibliche Stimme redet uns nachdrücklich ins Gewissen und kommt uns unangenehm bekannt vor: „Reduzieren Sie Ihre Geschwindigkeit!“

Der Design-Schmäh mit dem schwarzen Dach ist zwar fesch, heizt aber im Sommer ziemlich auf. Darüber hat sich schon unser verschrobener Oberstudienrat in Physik lustig gemacht. Was der alte Mann damals noch nicht wusste: Eine schnell ansprechende Klimaanlage wie im aktuellen Compass weiß diesem Effekt einiges entgegenzusetzen und kühlt sogar das Cola im mittleren Becherhalter

Das Fahrwerk ist eher weich ausgelegt, schluckt dadurch aber viele Unebenheiten. Die Sitzhaltung ist – und wir vermeiden hier bewusst das unsägliche Wort SUV – geländewagenmäßig aufrecht und erinnert ein bisschen an einen LKW oder den Speisezimmersessel. Dementsprechend ist die Sicht nach hinten absolut OK. Das vordere Ende hingegen ist nur zu erahnen, aber der Wagen ist im Fahrbetrieb mit 4,4 m Länge doch kürzer, als er sich anfühlt.

Im Innenraum finden wir nur wenige und kleine Ablagefächer. Der Seitenhalt der Sitze ist gering, weil eh klar, in Ami-Land gibt es wenig Kurven, und die Schenkelauflage würden wir uns länger wünschen. Als Ausgleich gibt es eine elektrische Lordosenstütze.

Die Armaturen bestehen aus einer Mischung zwischen zwei runden, klassischen Analoganzeigen und einem mittigen Info-Display. Alle, die über die Befindlichkeiten ihres motorisierten Freundes genau bescheid wissen möchten oder müssen, finden ausführlichste Informationen zum Beispiel über Motoröltemperatur, Getriebeöltemperatur, Kühlmitteltemperatur und Batteriespannung. Das kommt aus dem grundlegenden Verständnis, auf den fahrbaren Untersatz angewiesen zu sein. Wohl weniger im Großstadtdschungel, als fernab der Zivilisation im Death Valley oder den Rocky Mountains.

Wir fuhren den Jeep Compass mit 9-Stufen Automatikgetriebe und dem 2-Liter Dieselmotor mit 140 PS und 350 Nm Drehmoment. Der ist am Stand kräftig hörbar und macht das 1.619 kg schwere Auto nicht gerade quirlig. Nachdem Tempo 100 erst nach 9,9 Sekunden erreicht wird, ist diese Motorisierung ideal für alle, die den linken Arm lässig aus dem Fenster hängen lassen und es gemütlicher angehen wollen. Die Geräuschdämmung funktioniert im übrigen gut: einmal unterwegs ist es im Fahrzeuginneren nicht mehr laut.

Der mit diesem Motor kombinierte Allrad-Antrieb ist in die Stufen Automatik, Schnee, Sand und Schlamm voreinstellbar. Das vollautomatische Allradsystem mit einstufigem Transfergetriebe hat keine Geländeuntersetzung. Immer wenn die Traktion an den Vorderrädern ausreichend ist, erfolgt die Kraftübertragung ausschließlich über diese. Dann werden die Kardanwelle und die Hinterräder aus Treibstoffspargründen komplett abgekoppelt.

Der einfachste Jeep Compass kostet mit manueller 6-Gang Schaltung, Frontantrieb und 1,4 Liter Benzin-Motor mit 140 PS schlanke 26.890 Euro. Für unser besser ausgestattetes Limited-Modell sollten inklusive Infotainment-Paket, 19-Zöllern und Dreischicht-Lackierung um insgesamt 4.818 Euro in Summe rund 41.000 Euro zum Tausch bereitliegen. Der gemischte Verbrauch wird von Jeep mit 5,7 l/100km angegeben und pendelte sich in unserem Test bei 8,1 Liter ein.

Plus

+ die Menüführung und die Adaption der Menüpunkte an den Fahrer sind intuitiv und praktisch

+ Medien-Lautstärke und nächster Sender können an der Rückseite des Lenkrades mit Zeige- und Mittelfinger verstellt werden

+ die amerikanische Hemdsärmeligkeit und markentypische Robustheit trägt auch der Jeep Compass in den Genen: die Geländegängigkeit konnten wir nicht ausreichend testen, glauben wir ihm aber

Minus

– das Ausbauen der Kofferraumabdeckung ist fudelig und geht nur, wenn die Rücksitze geklappt werden

– der 140 PS Dieselmotor taugt eher zur gemütlichen Gangart

– das Start/Stop-System startet für manche Situationen ein bisschen zu langsam

Resümee:

Der Kern der Marke Jeep war und ist immer die robuste Geländegängigkeit und der hemdsärmelige Auftritt. Dieses Feeling ist auch im Compass mit an Bord. Wer auf amerikanischen Spirit abfährt und eventuell die Möglichkeit für einen Ausritt ins Gelände hat, findet hier das richtige Fahrzeug zu einem fairen Preis.

2020-06-19T12:01:04+00:00